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Wenn Besucher im Tierheim waren, sah
er durch sie hindurch - warum auch nicht - zu viele Menschen hatte
er kommen und gehen sehen.
Neulich brachten sie sogar ganz viele
seiner Artgenossen in ein neues Zuhause. Er wollte sich nicht
eingestehen, dass in ihm trotz allem etwas Hoffnung war, er dürfe
mit. Obwohl ihm seine Nachbarn schon zuvor gesagt hatten "DU doch
nicht!" und eigentlich hatten sie ja recht.
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Nach Jahren an der Kette war sein
Fell struppig und schmutzig geworden. Seine Augen waren von den
Abgasen der vorbeifahrenden Lastwagen trüb und sein Blick war
leer. Längst hatte er sich abgewöhnt, jemanden bittend
anzuschauen, wie er es vor Jahren getan hatte, als er bereits als
Junghund an eben diesem Platz lag. Nie hatte ihn jemand beachtet
und er erwartete es auch nicht mehr. Wenn einmal die Woche die
freiwilligen Helfer kamen, fragte er sich, warum sie seine Kette
für eine viertel Stunde lösten, damit er ihnen hinterher gehen
musste. Gassigehen nannten sie das. Aber er fand keinen Spaß
daran, wusste er doch, dass das Ende eines jeden Spaziergangs
wieder sein Platz unter dem Baum war.
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Das Leben war trist und grau und
einzig die Fütterung war eine Abwechslung und so fraß er immer
seinen Napf ganz leer, schaute auch darunter noch mal nach, ob er
vielleicht ein paar Krümel verschüttet hatte. Seine verkrustete,
ausgetrocknete Nase schnupperte auf dem immer gleich riechenden
Sandboden um nach Resten zu suchen, Reste seiner einzigen
Abwechslung, des Futters.
Eines Tages fuhr wieder ein großes
Auto durch das Tor. Es war ihm zu anstrengend aufzublicken, denn
schon seit Langem waren seine Glieder schwer und schmerzhaft
geworden. Jede Bewegung war eine Qual. Aus dem Auto stiegen zwei
Menschen. Einige seiner jungen Kollegen wurden angeleint und ihn
große Boxen gesetzt. Er drehte sich mit dem Rücken zu ihnen, weil
sie ihm weh tat - die Gewissheit, hier nie wieder weg zu dürfen. Er
schaute in die andere Richtung, zum Ausgang des Tierheims, wo der
alte Gustav an der Kette lag.
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Auch er durfte wieder nicht mit.
Minuten später legte sich eine Hand auf sein Köpfchen und
streichelte darüber. Man löste seine Kette und leinte ihn an. "Wieso
jetzt Gassi gehen?" dachte er und schaute den Menschen verblüfft an.
Dieser führte ihn, den alten Hund, der ihm langsam und träge folgte,
zu dem großen Auto. Dort stand eine große Box, die Tür war geöffnet.
Vorsichtig schob man ihn hinein und klick - die Tür war
verschlossen.
Er schaute sich um. Was war geschehen?
Wohin würde man ihn bringen? Alle Menschen liefen hektisch umher,
hatten Umschläge in der Hand, Leinen und Halsbänder. Irgendwann
begannen sie, die Boxen in das große Auto zu laden. Aber er war doch
niemals in einem Auto gewesen.... Und er wollte auch nicht in dieses
Auto. Sein altes Herz pochte und er begann zu zittern. Als der Motor
gestartet wurde, erschrak er furchtbar. Viele seiner jüngeren
Gefährten weinten. Doch seine Tränen waren seit Jahren versiegt. Sie
hatten nichts gebracht. Alles, was er noch spürte, war Resignation.
Er begann nachzudenken über all die Zeit an diesem einen Platz.
Lange war sein bester Freund neben ihm. Manchmal erzählten sie sich
mit ihren Blicken, was sie gerade so dachten. Vor zwei Jahren nahm
jemanden seinen Freund mit, die Frau war nett und liebevoll zu dem
Freund und er folgte ihr fröhlich und ging zum Tor hinaus in ein
besseres Leben. |
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Gordito (so wurde er genannt, weil er
inzwischen kugelrund war) war seither alleine. Er nahm die anderen
Gefährten um sich herum kaum noch wahr. Viele klagten sich ihr Leid,
aber was brachte es?! Monatelang hatte er getrauert, versucht den
Besuchern zu gefallen, gejault, gebellt, gewinselt. Niemals hatte
es zum Erfolg geführt. Während er nachdachte, fiel er in tiefe,
unruhige Träume.
Vielleicht hatte es ja mit diesen
Tröpfchen zu tun, die er vorher mit ein wenig Wurst bekommen hatte?
Er schlief und schlief und träumte von den Regen- und von den
Sonnentagen, von dem kleinen bisschen Schnee, dass wie Zuckerwatte
aussah und auf dem Hüttendach lag. Er träumte von den Menschen und
anderen Hunden, die an seinem Platz vorbeigekommen waren. Er träumte
von seiner Sehnsucht nach Freiheit und eigenen Menschen.
Unsanft wurde er aus diesem Schlaf
gerissen - die Schiebetür des großen Autos ging auf. Er blinzelte
und konnte nichts erkennen. Nach einigen Minuten holte man seine Box
aus dem Auto, zwei Menschen griffen nach seinem Halsband und
strichen über seine angetraute Schnauze. Er schaute sie fragend an.
Erneut musste er in ein Auto steigen und man fuhr in einen Garten.
Gordito war durcheinander und versuchte immer wieder, seine Gedanken
zu ordnen, aber es gelang ihm nicht. Zwei alte Hunde waren in diesem
Garten und beschnupperten ihn aufdringlich. Er wollte das nicht, er
wollte hier weg, er hatte Angst. Er knurrte die Hunde an. Da sah er
entsetzte Gesichter der beiden Menschen und sie begannen zu reden
und zu telefonieren. Er verstand ja kein Deutsch, aber er hatte
trotzdem verstanden, dass er hier nicht bleiben durfte....
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Einen Tag später kam dann wieder ein
Auto. Kein großes, sondern ein Kleines. Eine Frau und ein Mann
stiegen aus und riefen "Kurt, da bist Du also!". Er stieg ins Auto
ein, es war ihm mittlerweile egal. Er erwartete NICHTS. Denn alles
war ohnehin sinnlos, er wusste nicht, wo er war und es war ihm
gleichgültig. Er wusste doch, dass das Leben nichts Gutes mit sich
brachte. Immer wieder hatte er es seinen Gefährten gesagt, doch
keiner wollte es glauben.
Irgendwann musste Kurt wieder
aussteigen. Man nahm ihn mit in ein Haus und zeigte ihm einen großen
Korb. "Das ist doch nicht MEINER?" schaute er fragend. Aber die Hand
der Frau klopfte auf das Kissen im Korb und sagte "na auf, hier ist
Dein Körbchen". Und er stieg vorsichtig hinein, Pfötchen für
Pfötchen. Er spürte den weichen Stoff, die flauschige Oberfläche. Er
sank nieder und atmete tief durch. Wieder fiel er in einen tiefen
Schlaf. Dieses Mal träumte er nichts.
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Am nächsten Morgen
wachte er auf und schaute fassungslos: er war immer noch in diesem
Haus, es war kein Traum. Er ging zu den Menschen hin und diese
begannen, ihn zu streicheln. Sein Gefährte, ein weißer großer Hund,
wedelte ihm freundlich zu. |
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"Du bleibst hier!"
sagten sie ihm. Er verstand kein Deutsch, nein, aber DAS verstand
er, weil es von Herzen kam! Bald merkte er, dass auch hier Gassi
gegangen wurde. Aber er merkte auch, dass es Spaß machte. Bald
spürte er seine Lebensfreude wieder, sie keimte langsam auf und
jeden Tag war sie etwas näher zu ihm zurückgekehrt. Er rannte mit
Harvey über die Wiesen und Felder, er sah einen Schmetterling, der
in vielen Farben schimmerte. Auch an den neuen Namen hatte er sich
gewöhnt. Kurt war zwar nicht schön, aber damit konnte er sich
arrangieren. Als Gordito neulich abends im Körbchen lag ,schaute er
sich im Zimmer um. Seine Augen glänzten und sein Fell schimmerte
seidig. Und plötzlich wusste er etwas, was er vorher nie geglaubt
hatte:
ES IST NIEMALS ZU SPÄT!
Er schloss
zufrieden die Augen und begann zu schlafen. Er träumte von den
Wiesen und den Schmetterlingen und beschloss, den nächsten Tag dort
wieder hinzugehen.... |
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Anmerkung zur Geschichte:
Kurt war seit Welpenalter im
Tierheim Cantera Verda in Calafell / Katalonien an der Kette. Viele
Jahre musste er dort ein trauriges Dasein fristen. Sein Freund, der
in der Geschichte erwähnt wird, wurde knapp Jahre vor Kurt an eine
sehr nette Dame vermittelt. Kurts Freund starb im Mai 2003 nach
eineinhalb sehr glücklichen Jahren.
Kurt wurde im August 2003 im Alter
von etwa 10 Jahren nach Deutschland vermittelt und nach kurzer Zeit
wieder zurückgegeben. Wir hatten eigentlich vor, ihn nur als
Pflegehund zu nehmen, doch er wuchs uns viel zu sehr ans Herz. Er
wird für immer bei uns bleiben! Und das hoffentlich noch sehr
lange.... |
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