MEGGIE - ein ganz normales Katzenleben, trotz Behinderung ...

mit freundlicher Genehmigung von Eva-Isabell Scheper

 

 

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Im letzten Jahr wünschte ich mir eine zweite Katze zur Gesellschaft meiner zweijährigen Wohnungskatze Pia. Ich hatte dabei gegenüber einer Frau mit Katzenpflegestelle geäußert, dass eine Behinderung nicht per se ein Grund sei, eine Katze nicht zu nehmen.

Im November 2006 bekam ich dann einen Anruf, mit der Bitte, mir eine Fundkatze anzusehen, die nur auf drei Beinen läuft. Meggie.

 

Meggies Geburtsdatum wird auf Mai 2006 geschätzt. Meggie kann ihr linkes Vorderbein nicht benutzen. Ich lernte sie als klein, dünn, sehr verschmust und lebhaft kennen – aber auch als schwer behindert. Sie hat im linken Vorderbein kein Gefühl und weil die Pfote über den Boden schleifte, fiel sie nahezu alle paar Schritte darüber. Es gab sogar schon eine kleine Stelle, wo das Fell abgescheuert war. Ich nahm Meggie in dem Bewusstsein mit nach Hause, dass da auf jeden Fall ganz schnell eine Amputation organisiert werden müsse. Darin war ich mir mit der Frau vom Tierschutz einig. Noch dringender war nur, dass sie es erst mal warm und trocken hat.

Zum Glück vertrugen sich Pia und Meggie sehr schnell, so dass ich mir an dieser Front wenig Sorgen machen musste.

 

In dem Bemühen, einen möglichst kompetenten Tierarzt oder eine kompetente Tierärztin zu finden, die diese Amputation für so eine Tierschutzkatze übernehmen könnte, stellte ich Meggie in verschiedenen Praxen vor und hatte zu weiteren telefonischen Kontakt.

Gleich der erste Anruf in Sachen Meggie war schockierend für mich. Die Tierärztin sagte, sie würde eine solche OP nicht machen – das fand ich ja noch o.k.. Schließlich ist es immer gut, wenn jemand seine Grenzen kennt. Aber die Begründung war, das sei nicht mit dem Tierschutz zu vereinbaren. Eine Katze könne nicht mit drei Beinen gut leben, erst recht nicht, wenn ein Vorderbein fehle, bei einem fehlenden Hinterbein sei es eventuell noch etwas anderes. So rate sie mir dringend dazu, die Sache zu überdenken, dann werde ich sicher auch zu dem Schluss kommen, dass die einzig richtige Lösung im Sinne des Tieres sei, sie einzuschläfern. Diesen Standpunkt bekam ich am Telefon vermittelt, ohne dass die Tierärztin Meggie überhaupt gesehen hatte.

Einschläfern? Dieses verschmuste Bündel Katze, die sich so bemühte, die Wohnung zu erobern und mit Pia zu spielen? Sie wäre sicher auch gern gerannt, wenn sie dabei nicht immer auf das hängenden Pfötchen getreten und hingefallen wäre. Sie hatte Hunger, forderte Streicheleinheiten und der Schalk blitzte ihr aus den Augen. Einschläfern? Nein!

 

 

In der Diagnose des Problems waren sich alle Tierärzte, die Meggie kennen gelernt haben einig. Der Nervenstrang, der die linke Vorderpfote versorgt ist irgendwo im Schulterbereich gerissen. Sie hat im gesamten Bein kein Gefühl. Außerdem ist es sehr wahrscheinlich, dass die Pfote im „Handgelenk“ mal gebrochen war und ohne Behandlung schief zusammen gewachsen ist. Wann, wie, wo, wodurch das passiert ist, weiß ich ebenso wenig wie sonst etwas über Meggies Leben vor November 06. Einigkeit bestand auch darin, dass eine Infektion in dieser Pfote gefährlich sein könne, vor allem auch, wenn sie mangels Schmerzempfinden erst (zu) spät erkannt wird. Die Tierärzte unterschieden sich in ihrer Meinung vor allem darin, wie schnell und in welcher Höhe die Amputation zu erfolgen habe. Würde sich die kahle Stelle entzünden? Wäre es genug, nur bis zum Ellenbogen zu amputieren oder doch bis zur Schulter? Amputation im Gelenk oder Knochen durchtrennen?  Die Dame vom Tierschutz war ebenso engagiert, alles zu organisieren, obwohl es ja nicht unerhebliche Kosten für den Verein bedeutete und sie das Tier kaum kannte. Einschläfern war auch für sie wegen Meggies anhänglichen Wesens von Anfang an keine Lösung. 

 

Mir kamen indessen Zweifel, ob unser Bestreben überhaupt richtig war – und selbst wenn grundsätzlich, ob dann diese Eile geboten war.

Nach etwa anderthalb Wochen zeigte sich nämlich, dass aus Meggie zunehmend weniger Bruchlandungen zu verzeichnen hatte. Anscheinend lernte sie, die hängende Pfote irgendwie in ihren Laufrhythmus einzubeziehen, ohne draufzutreten und zu fallen. Mein vorsichtiger Optimismus und die Zweifel an der Notwendigkeit einer Amputation wurden zum Glück in einem kleinen aber feinen Forum bestärkt.  Ich stellte Meggie auch einer Tierheilpraktikerin vor, denn ich wollte wissen, ob eventuell Reha-Maßnahmen erfolgversprechend wären. Sie konnte mir in diesem Punkt wenig Hoffnungen machen, hatte aber auch keinen Zweifel, dass Meggie mit diesem Pfötchen ein schönes Leben haben könne. Schließlich müsse sie sich ja nicht selbst ernähren. Nein, das muss Meggie nicht.

Also wurde in Absprache mit der Dame von der Pflegestelle ein bereits bestehender OP-Termin wieder abgesagt und auf unbestimmte Zeit verschoben. 

 

Jetzt ist Meggie gute 4 Monate hier und hat sich toll entwickelt. Die kahle Stelle ist schnell verheilt. Meggie ist ein ganzes Stück gewachsen und das lahme Pfötchen weiter verkümmert. Dadurch hängt das Pfötchen mehrere Zentimeter über dem Boden und es gibt so gut wie kein Risiko des Wundscheuerns mehr. So nach und nach hat Meggie gelernt, überall  da hinzukommen, wo sie hin will. Sei es, ganz nach oben auf einen Kratzbaum mit nur einer Säule oder über eine steile Rampe auf meinen Kleiderschrank, der 2,20 m hoch ist. Sie balanciert sogar über das Balkongeländer und lehnt sich dabei geschickt gegen das Katzenetz, mit dem der Balkon gesichert ist. Darüber kann ich mich richtig freuen. Dass sie auch in Küchenregale springt, die in Höhe der Hängeschränke angebracht sind und dort die Dose mit dem TroFu runterschmeißt oder eine zum Auftauen oben auf den Küchenschränken platzierte tiergefrorene Ente klauen will, die genauso viel wiegt, wie Meggie, finde ich erst im Nachhinein lustig. Meggie hat mehr Blumentöpfe auf dem Gewissen, als Pia in zweieinhalb Jahren. Und das nicht etwa, weil Meggie so ungeschickt wäre, sondern nur, weil sie überall hin muss. Meggie und Pia lieben beide intelligentes Spielzeug und sind etwa gleich geschickt darin, z. B. Eierkartons zu öffnen, Leckerlis aus Schuhkartons mit Löchern zu pfoteln oder einen  Hebel herunter zu ziehen, damit Leckerlis durch ein Rohr fallen und geangelt werden können. 
 

Die Zeit zeigt es ganz deutlich – Meggie kommt ohne ihre linke Vorderpfote klar. Aber eine Amputation mit den damit verbundenen Risiken braucht sie auch nicht. Es ist kein Leiden erkennbar. Diese Pfote ist ein Teil von ihr, das wird auch bei der Körperpflege deutlich. Sie wird liebevoll mit geputzt. Hier und da braucht sie ein bisschen Unterstützung, zum Beispiel beim Entfernen der losen Krallenhülsen an dieser Pfote, da sie die Krallen nicht ausfahren kann, gelingt das nur unzureichend. Außerdem fehlt die Pfote zum Ohren waschen: Also muss ich vermehrt mein Augenmerk darauf legen. Aber das ist auch schon alles, was Meggie von anderen Katzen unterscheidet – jedenfalls was die Pflege angeht. Ansonsten ist sie eine ganz und gar einzigartige, charmante Persönlichkeit, die meine introvertierte Pia wunderbar ergänzt.

 

 
 
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